Seit einigen Jahren notiere ich die Gedanken, die mir im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit durch den Kopf gehen, und seit der Computer zu meinen Werkzeugen gehört, nutze ich gerne die Möglichkeit, diese Notizen strukturiert zu dokumentieren und zu publizieren; zum Beispiel in Form dieser Website. Die Untersuchung des Zusammenspiels von Erinnerungen, seien sie musikalisch, historisch oder rein persönlich geprägt, mit den Werkzeugen der bildenden Kunst erinnerte mich nach einiger Zeit an eine wissenschaftliche Studie, und der Gedanke, an einer Fallstudie zu arbeiten, gefiel mir. Einige dieser Studien sind inzwischen entstanden, werden auch immer wieder einmal aufgegriffen, und auch neue entstehen - wie diese hier.
For several years, I have been jotting down thoughts that arise during my artistic work. Since the computer became one of my tools, I have increasingly enjoyed using it to document and publish these notes in a structured way—such as on this website.
Over time, my exploration of the interplay between different kinds of memory—musical, historical, and personal—through visual art began to resemble a kind of scientific inquiry. This shift in perspective led me to think of my work in terms of case studies.
Since then, I have developed a number of these studies. They are revisited periodically, while new ones continue to emerge—like this one.
Vor etwa fünfzig Jahren fertigte ich einige Federzeichnungen mit landschaftlichen Motiven an – allerdings ohne reale Orte vor Augen zu haben, eher im Sinne abstrakter Landschaften. Damit verband ich keine besonderen Ambitionen. Es ging mir vielmehr darum, meine Malerei, die ich weiter bevorzugte, um neue Techniken zu erweitern und auszuprobieren, ob sich daraus vielleicht auch kommerzielle Möglichkeiten ergeben könnten, was nicht der Fall war. Ich verfolgte diese Arbeiten damals nicht weiter, vor allem, weil ich sie als kitschig empfand. Sentimentalität entsprach nicht meinem Anspruch – ich hatte andere künstlerische Vorstellungen.
Das war vor einem halben Jahrhundert, und seitdem ist viel passiert. Malerei war während dieser Zeit immer ein Thema, ebenso das tägliche Brot; das ließ sich mit grafischen Arbeiten gut verdienen, ohne dabei die Gefilde der Malerei aus den Augen zu verlieren. Der ursprüngliche Werkzeugkasten mit seinen Pinseln, Farben und Leinwänden wuchs um Stifte, Feder und andere grafische Werkzeuge, Photographie war irgendwann auch ein Ausdrucksmittel, und dann kam der Computer. Zunächst vor allem eine Erleichterung beim Erstellen von Druckvorlagen entpuppte er sich nach und nach als Inspirationsquelle: mit dem Internet als Basis liefert er mir Nachrichten, läßt mich durch die Kunstgeschichte wandern, und den Zugriff auf eine riesige Auswahl gern gehörter Musik geniesse ich auch. Am wichtigsten aber war die Entdeckung, dass ich hier mit der digitalen Malerei eine völlig neue Möglichkeit bekam, nach Jahren kreativer Arbeit im Dienste der Werbung wieder zurück zu meinen Wurzeln zu finden und wieder zu malen.
About fifty years ago, I made some pen-and-ink drawings of landscape motifs without having any real places in mind—abstract landscapes, so to speak. There were no particular ambitions associated with them; it was more about expanding my still-preferred painting practice with new techniques, and perhaps also testing whether it might be commercially viable. Well, it wasn't. At the time, I didn't continue with it because I found it kitschy. Sentimentality wasn't my thing back then; I had other priorities.
That was half a century ago, and a lot has happened since. Painting was always a part of my life during that time, as was my livelihood; graphic design provided a good income without losing sight of the realm of painting. The original toolbox with its brushes, paints, and canvases grew to include pens, pencils, and other graphic tools. Photography eventually became a means of expression, and then came the computer. Initially primarily a tool for creating print-ready files, it gradually revealed itself as a source of inspiration: with the internet as its foundation, it provides me with news, allows me to wander through art history, and I also enjoy access to a vast selection of music I enjoy. Most importantly, however, was the discovery that digital painting offered me a completely new opportunity to return to my roots and paint again after years of creative work in advertising.
Digitales Malen ? Im Grunde sieht es so aus: Einem Stift mit elektronischem Innenleben wird durch ein Computerprogramm die Fähigkeit verliehen, beliebige Pinselformen und Farben anzunehmen. Wie mit einem echten Pinsel führt man ihn – nur nicht über eine Leinwand, sondern über eine elektronisch sensibilisierte Zeichenfläche. Diese überträgt die vermeintliche Pinselspur auf einen Monitor und macht sie sichtbar. Es entsteht die Illusion eines Gemäldes.
Ich habe einmal versucht, mir selbst mit einfachen Worten zu erklären, was dabei genau geschieht – und habe es bald wieder aufgegeben. Vorerst genügt mir die Erkenntnis, dass es tatsächlich möglich ist, mithilfe von digitaler Bildbearbeitung Gedanken, Empfindungen und Stimmungen sichtbar zu machen, wie es zuvor nur mit klassischen Malwerkzeugen möglich war. Doch diese Programme erzeugen nicht nur die Illusion traditioneller Malerei. Sie erweitern das künstlerische Spektrum um zahlreiche Techniken: Collagen, Verfremdungen, Kopien, Serien. Am wichtigsten – und vielleicht auch am erstaunlichsten – ist jedoch, dass die Freude und die sinnliche Erfahrung des kreativen Prozesses dabei nicht verloren gehen. Es ist keine Malerei im herkömmlichen Sinne mehr. Man kann durchaus den inzwischen etablierten, erweiterten Begriff der Bildbearbeitung verwenden – also jenes, was Malerei im Kern schon immer war: das Schaffen von Illusionen.
Aber bevor das nun als unkritisches Loblied auf eine seelenlose Maschine mißverstanden wird: Kreativ werden muss man immer noch selbst, der Computer als Informationsquelle verdient eine Portion Skepsis, und wenn Fragen auftauchen, sollte man ihnen nachgehen - das passende Werkzeug ist ja vorhanden.
Digital painting? It looks something like this: A pen with electronic components is given the ability, by a computer program, to assume any brush shape and color. Just as you would with a real brush, you guide the imaginary brush – not across a canvas, but across an electronically sensitized drawing surface that makes the supposed brushstroke visible on a monitor. The illusion of a painting is created. I once tried to explain to myself in simple terms what was actually happening – and soon gave up. For now, I'm content with the realization that it is indeed possible to visualize thoughts, feelings, and moods with the help of image editing programs, just as was previously only possible with traditional painting tools. Moreover, such programs don't just create illusions of painting; they expand the spectrum of artistic expression with a multitude of techniques: collages, distortions, copies, and series. Most importantly, and perhaps most surprisingly, the joy and sensory experience of the creative process are not lost. It is no longer painting in the traditional sense; one can certainly use the now commonplace and expanded term "image editing," which is what painting has always done: creating illusions.
But before this is misunderstood as an uncritical ode to a soulless machine: You still have to be creative yourself, the computer as a source of information deserves a degree of skepticism, and if questions arise, you should investigate -the necessary tools are available.
I
Zurück zu den Federzeichnungen: Einige existieren noch, und sie haben scheinbar einigen Leuten gefallen, denn ich wurde gefragt, ob ich so etwas nicht noch einmal machen wolle.
Spontan habe ich das zunächst abgelehnt - kitschig, sentimental und so weiter. Passt nicht zu dem, was ich heute mache. Heute spielen Lieder – oder zumindest Textfragmente daraus – eine Rolle bei der Entstehung neuer Bilder. Und so war es ein Lied, das einen Gedankengang auslöste und mir nicht aus dem Kopf ging: „Green, Green Grass of Home“ . Ein Ohrwurm aus einer anderen Zeit, schwer beladen mit jenem Pathos, dem ich seinerzeit mißtraute. Das sehe ich heute nicht mehr so kritisch , ein wenig Pathos kann gestalterisch nützlich sein.
Kitsch ist kulturell akzeptiert, Sentimentalitäten werden gepflegt und bisweilen gar genossen, und wenn man schon dieses Lied nicht los wird, kann man sich ja auch mal darauf einlassen; ja, verdammt noch mal, es ist eben ein Ohrwurm. (Die Version von Joan Baez hat mir damals schon besser gefallen als die von Tom Jones.)
Die Zeit war an mir nicht spurlos vorübergegangen. Ich empfand sie als Bewegung in eine Richtung, und während sie verging, archivierte das Unterbewußtsein Momentaufnahmen, um sie zu gegebenem Anlass mit real gesammelten Texten und Bildern oder auch aktuellen Ereignissen zu verknüpfen. So stellt dieses Archiv eine Sammlung von Erinnerungen, Gefühlen und Dokumenten zur Verfügung: Fachwerk als Symbol regionaler, traditioneller Bauweise; Farbflächen, deren Struktur an Malweisen und Pinselstriche erinnert, wie man sie aus bekannten Gemälden kennt; der für die Region typische Farbdreiklang; Reminiszenzen an die eingangs zitierten Zeichnungen, Fotos, Dokumente und Symbole.
Back to the pen and ink drawings: Some still exist, and apparently, some people liked them, because I was asked if I'd ever consider doing something like that again.
My initial reaction was to refuse—kitsch, sentimental, and so on. It didn't fit with what I do now. Today, songs—or at least fragments of lyrics—play a role in the creation of new images. And so it was a song that sparked a train of thought and wouldn't leave my head: "Green, Green Grass of Home." An earworm from another era, heavily laden with the pathos I once distrusted. I don't see it so critically anymore; a little pathos can be artistically useful.
Kitsch is culturally accepted, sentimentality is cultivated and sometimes even enjoyed, and if you can't get this song out of your head, you might as well give it a try; yes, damn it, it's an earworm. (A small note: I always preferred Joan Baez's version to Tom Jones's, and that hasn't changed.)
I realize: Time hasn't passed me by without leaving its mark. Time is movement in one direction, and as it passes, the subconscious archives snapshots to link them, when the occasion arises, with texts and images actually collected, or even current events. This archive thus provides a collection of memories, feelings, and documents: half-timbered construction as a symbol of regional, traditional building methods; color fields whose structure is reminiscent of painting techniques and brushstrokes found in famous paintings; the color triad typical of the region; reminiscences of the drawings, photos, documents, and symbols mentioned at the beginning.
II
Mit der Erinnerung an dieses Lied rückte auch das Wort „Heimat“ in den Fokus.
Doch Heimat ist kein geografischer Ort, sondern der Name eines vielschichtigen Archivs aus Erinnerungen, Fragmenten und emotionalen Spuren.
Doch Heimat ist kein geografischer Ort, sondern der Name eines vielschichtigen Archivs aus Erinnerungen, Fragmenten und emotionalen Spuren.
Aus dieser Perspektive entstand die Frage, welche visuellen Konstellationen sich bilden, wenn gespeicherte Motive auf neue Einflüsse treffen.
Im Archiv der Erinnerungen fand sich reiches Material, das – ineinander kopiert, verfremdet, neu zusammengesetzt und digital überarbeitet – zu spannenden Ergebnissen führte. Die digitalen Eingriffe fungieren dabei nicht als bloße technische Kosmetik, sondern als integraler Bestandteil des Prozesses: Erinnerung wird nicht konserviert, sondern transformiert.
With the recollection of this song, the word "home" also came into focus.But home is not a geographical place, but rather the name of a multifaceted archive of memories, fragments, and emotional traces.From this perspective, the question arose as to what visual constellations emerge when stored motifs encounter new influences.The archive of memories yielded rich material which—copied, distorted, reassembled, and digitally reworked—led to fascinating results. The digital interventions do not function as mere technical enhancement, but as an integral part of the process: memory is not preserved, but transformed.
III.
Einige der neueren Bilder lassen mich ratlos zurück. Sie erscheinen mir wie in Bild übersetzte Sentimentalitäten – möglicherweise bedingt durch ihre teilweise realistische Darstellung. Zwar sind sie ästhetisch ansprechend, aber glücklich war ich damit nicht.
Ein Bild, das eine konkrete, einmalige Situation abbildet, kann an Eigenständigkeit gewinnen, wenn es sich von dieser rein darstellenden Funktion löst und zu einer allgemeineren Aussage findet. Der Weg dorthin führt über Abstraktion. Diesen Weg wollte ich bewusst erproben, um zu sehen, ob sich auf diese Weise neue Realitäten erschließen lassen.
Die vorliegenden Kompositionen sind das Ergebnis dieses Versuchs.
Some of the more recent paintings leave me perplexed. They feel like sentimentalities translated into images—perhaps a result of their partially realistic depiction. While aesthetically appealing, they ultimately fail to resonate with me.
A painting that portrays a specific, singular situation can gain autonomy when it moves beyond mere representation and arrives at a more universal statement. The path toward this lies in abstraction. I set out to explore this direction deliberately, to see whether it might open up new ways of perceiving reality.
The compositions presented here are the result of that exploration.